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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 08.01.2012 Share it on Facebook


Anonymous: (2011): Editorial. Ex Factor – Demise of snails in a New Zealand freezer is a sign of the times. – Nature 479: 268.

Editorial. Der Ex-Faktor – Der Verlust von Schnecken in einem Kühlhaus in Neuseeland ist ein Zeichen unserer Zeit.


Zusammengefasst und kommentiert von Hans-Jürgen Bidmon

Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon

Dieses Editorial besitz kein Abstract, bezieht sich aber auf einen Aspekt, der uns ein schönes Beispiel dafür liefert, was „unter menschlicher Obhut“ bedeuten kann und warum – wenn schon – Metapopulationen immer wichtiger werden. Ein Aspekt, über den man nach dem Ausgang des Klimagipfels in Durban 2011 zu Beginn von 2012 durchaus nachdenken sollte.

Um was geht es? Die kurze Einleitung behandelt, wo man mittels Nachzuchtprogrammen zumindest bei einigen wenigen Säugetieren Erfolge erzielt hat, für welche Arten die Hilfe jedoch zu spät kam und erwähnt, dass es für Spezies, die kein kuschelig weiches Fell haben, noch schwerer ist, öffentliche Beachtung zu finden. Im Anschluss wird das eigentliche Vorkommnis geschildert. In Neuseeland lebt auf einem kleinräumigen Areal, auf einer der südlichen Inseln eine faustgroße karnivore, Würmer fressende Schnecke namens Powelliphanata augusta, die erst 1996 entdeckt worden war. Bislang ist es der einzige Lebensraum dieser Spezies, und wie es das Unglück will, lag das gesamte Verbreitungsareal in einem Gebiet, das zum Kohleabbau freigegeben ist. – Erinnert Sie das an etwas? Siehe Kommentar zu Catry et al. 2009). Was machte man? Nun, man sammelte 4.000 Schnecken ein und siedelte sie um, ohne natürlich zu wissen, wie erfolgreich eine solche Umsiedlung überhaupt sein kann. Denn vielleicht hatte es ja seinen Grund, warum die Schnecken nur dort in diesem kleinräumigen Areal lebten. 1.600 der gesammelten Schnecken behielt man also in menschlicher Obhut, wie es so schön heißt und weil die Schnecken ein Temperaturoptimum von +10 ºC haben, wurden sie in zwei Kühlräumen einer regierungseigenen Artenschutzeinrichtung untergebracht. Allerdings fiel bei einem der Kühlräume die Temperaturkontrolle an einem Feiertag aus und so führte dieser unbemerkte Ausfall dazu, dass 800 der Schnecken erfroren. Damit hatte man die Hälfte der kontrollierbaren Population ausgelöscht, denn wie es den umgesiedelten Tieren langfristig ergehen wird, ist ebenso ungewiss.
Neben dem Stellenwert, den man diesen Tieren im Vergleich zum Kohleabbau und den kommerziellen und energetischen Bedürfnissen des Menschen zugesteht, sieht man daran eigentlich deutlich, welche Gefahren das Leben in einer technisierten, künstlichen Umwelt unter menschlicher Obhut so mit sich bringt – wem ist nicht schon mal ein Heizungsregler ausgefallen oder gar ein Brand hat vieles zerstört? Ja, es wird auch deutlich, wie schnell hier eine ganze Art trotz guten Willens vernichtet werden kann.
Wie ausgeführt wird, trifft diese Situation weltweit auf immer mehr Arten bzw. Populationen zu. Vor solch einem Hintergrund macht es natürlich Sinn, für die Einrichtung von lokal verschieden angesiedelten Populationen unter menschlicher Obhut zu plädieren und diese im Sinne einer Metapopulation zu managen (siehe auch Pedrono et al. 2004, Bidmon 2008). Denn je mehr es davon gibt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es zeitgleich überall zu negativen Ereignissen kommt, und so nähme die statistische Überlebenswahrscheinlichkeit wieder zu. Im Grunde genommen könnte man jede Art der Tierhaltung von gefährdeten Spezies als Beitrag zur Überlebenssicherung und zur Arterhaltung ansehen. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass wir – wenn dies Sinn ergeben soll – auch Verpflichtungen eingehen müssen, die über die formaljuristischen „Pseudoverpflichtungen“ der jeweiligen Gesetzgeber weit hinausgehen. Wenn solche Metapopulationen sinnvoll sein sollen, müsste man auch eine entsprechende Zuchtkontrolle, die einen optimalen Genfluss sichern würde, durchführen, und man bräuchte neben einer optimalen veterinärmedizinischen Seuchenhygiene auch eine möglichst dem natürlichen Lebensraum entsprechende Haltung. Letzteres zumindest dann, wenn man nicht nur zur Arterhaltung züchtet, sondern dies mit dem Ziel der Wiederauswilderung tut. Dazu würde es zum Beispiel (um auf Schildkröten zurückzukommen) gehören, dass man auch natürliche Jahreszyklen und Ruhephasen realisiert und nach Möglichkeit alle Maßnahmen minimiert, die zu (allgemein ausgedrückt) jeglicher Form von Domestikationserscheinungen führen können. Davon sind wir allerdings selbst in so großen Einrichtungen wie den zoologischen Gärten noch weit entfernt, insbesondere dort wo die Einrichtungen in klimatisch ganz anderen Zonen als den natürlichen Lebensräumen liegen. Insofern ergibt es eigentlich schon Sinn, für den Aufbau von Metapopulationen in Erhaltungszentren innerhalb der jeweiligen Herkunftsgebiete der Spezies zu plädieren. Allerdings scheint das nur dann zu funktionieren, wenn man eine entsprechende Infrastruktur vor Ort schaffen kann, die die derzeit noch meist gängige Praxis des Ausbeutens unter dem Deckmantel der Nachzucht unterbinden kann (siehe z. B. Shi et al. 2007, Lyons & Natusch 2011).



Literatur

Bidmon, H.-J. (2008) Der Aufbau von Metapopulationen erscheint unerlässlich: Ein Kommentar. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 5 (1): 32–34.

Catry, P., C. Barbosa, B. Paris, B. Indjai, A. Almeida, B. Limoges, C. Silva & H. Rio Pereira (2009): Status, Ecology, and Conservation of Sea Turtles in Guinea-Bissau. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 150–160.

Lyons, J. A. & D. J. D. Natusch (2011): Wildlife laundering through breeding farms: Illegal harvest, population declines and a means of regulating the trade of green pythons (Morelia viridis) from Indonesia. – Biological Conservation, (Vorabversion) doi:10.1016/j.biocon.2011.10.002 oder WiF-Archiv.

Pedrono, M., L. L. Smith, J. Clobert, M. Massot & F. Sarrazin (2004): Wild-captive metapopulation viability analysis. – Biological Conservation 119: 463–473.

Shi H., J. F. Parham, M. Lau & T.-H. Chen (2007): Farming Endangered Turtles to Extinction in China. – Conservation Biology 21 (1): 5–6.



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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus