Schildkröten im Fokus Kleintierverlag Thorsten Geier
 
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02.10.2017

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Wissenschaft im Fokus


Enneson, J. J. & J. D. Litzgus (2008): Using long-term data and a stage-classified matrix to assess conservation strategies for an endangered turtle (Clemmys guttata). – Biological Conservation 141 (6): 1560-1568.

Die Verwendung von Langzeitdaten und einer nach Lebensstadien klassifizierten Matrix zur Überprüfung von Erhaltungsstrategien für die bedrohte Wasserschildkröte (Clemmys guttata)


Reptilien befinden sich in einem globalen Rückgang, und ein Drittel aller Schildkrötenarten wird derzeit als gefährdet oder bedroht eingestuft. Die Erhaltung von Schildkröten ist aber eine schwierige Aufgabe, die ein Umdenken erfordert, da Schildkröten langlebig sind und eine lange Zeit bis zur Geschlechtsreife brauchen, was letztendlich Langzeitstudien unerlässlich erscheinen lässt, um eine akkurate Kalkulation der Überlebensparameter zu erarbeiten. Die Tropfenschildkröte (Clemmys guttata) ist in Kanada als bedrohte Art eingestuft. Eine Population der Tropfenschildkröte in der östlichen Georgian Bay, Ontario, ist derzeit die am längsten überwachte und ökologisch untersuchte Population (30 Jahre). Das Ziel des gegenwärtigen Projekts war es, die demographischen Langzeitdaten zu nutzen, um eine parametrische nach Lebensstadien unterteilte Matrix zu erstellen, um damit ein Computermodell zur Überprüfung hypothetischer Szenarien zu erhalten, die sich aus verschiedenen Managementmaßnahmen ergeben würden. Elastizitätsanalysen und Simulationen zeigten, dass nur geringfügige Veränderungen in der Überlebensrate der adulten Schildkröten die größten Auswirkungen in Bezug auf die Wachstumsrate der Population haben und dass eine Erhöhung der Überlebensrate bei den Jungtieren auf 100 % den größten Effekt auf die Zuwachsrate der Population hätte. Die Simulation von Nestschutzmaßnahmen und die Simulation von sogenannten Headstartmaßnahmen (künstliches Aufziehen der Schlüpflinge bis zu einer bestimmten Größe) ergaben aber, dass diese Maßnahmen zumindest für diese Spezies sehr ineffizient Erhaltungsmaßnahmen sind. Wir empfehlen daher, den Schwerpunkt der Erhaltungsmaßnahmen auf die adulten und juvenilen Lebensstadien sowohl bei der Tropfenschildkröte als auch bei anderen langlebigen iteroparen Wirbeltieren auszurichten.

Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Die hier durchgeführten Simulationen sind zwar auch nur Simulationen, aber sie basieren immerhin auf Langzeitdaten, die auch einen Rückblick auf den Erfolg der schon in der Vergangenheit durchgeführten Erhaltungsmaßnahmen erlauben und damit auch deren Wert für die Zukunft besser einschätzbar machen. Ob die Daten auf andere Spezies direkt übertragbar sind, ist nicht sicher, denn auch relativ langlebige Schildkröten können sich bestimmten populationsdemographischen Entwicklungen anpassen (siehe Fordham, D. A., A. Georges & B. W. Brook (2007): Demographic response of snake-necked turtles correlates with indigenous harvest and feral pig predation in tropical northern Australia. – Journal of Animal Ecology 76 (6): 1231-1243 oder WiF-Archiv; Spencer, R. J., F. J. Janzen & M. B. Thompson (2006): Counterintuitive density-dependent growth in a long-lived vertebrate after removal of nest predators. – Ecology 87 (12): 3109-3118 oder WiF-Archiv). Dennoch wird hier wieder einmal sehr deutlich, welche Priorität dem Schutz und der Erhaltung der adulten Schildkröten zukommt (siehe auch: O'Brien, S., B. Robert & H. Tiandray (2005): Hatch size, somatic growth rate and size-dependent survival in the endangered ploughshare tortoise. – Biological Conservation 126 (2): 141-145 oder WiF-Archiv). Ebenso sollte man wirklich einmal darüber nachdenken, wie sich in manchen Biotopen die so genannten Headstart-Maßnahmen auswirken und welche Probleme damit verbunden sind. Denn die Jungtiere werden meist in Gefangenschaft herangezogen, und ihre spätere Auswilderung kommt dem gleich, was man für Umsiedlungsmaßnahmen auch erwarten muss, denn de facto bringt man „fremde Tiere“ in eine ortsansässige Population ein. Daraus ergeben sich ähnliche Probleme, wie sie schon aus anderen Maßnahmen bekannt sind (siehe Bertolero, A., D. Oro, & A. Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by modelling adult survival: the example of Hermann's tortoise. – Animal Conservation 10 (3): 360-368 oder WiF-Archiv; Rittenhouse, C. D., J. J. Millspauch, M. W. Hubbard & S. L. Sheriff (2007): Movements of translocated and resident three-toed box turtles. – Journal of Herpetology 41 (1): 115-121 oder WiF-Archiv; Hernandez, O. & R. Espin (2006): Effects of reinforcement on the Arrau turtle (Podocnemis expansa) population in the Middle Orinoco, Venezuela. – Interciencia 31 (6): 424-430 oder SiF 3 (4) 2006). Ich denke, die wissenschaftliche Abklärung dieser Problematik dürfte entscheidend sein für die praktikable Umsetzung und den Wert so mancher bislang auch nur hypothetisch diskutierter Wiederansiedlungsmaßnahmen von in Gefangenschaft nachgezogenen Arten. Eines der wohl entscheidenden Probleme bei den Headstart-Maßnahmen ist aber, dass man die ortsansässigen Populationen, die man damit erhalten möchte, zwar mit Tieren aufstockt, aber in keiner Weise die Ursachen, die zum Rückgang und eventuell sogar zum Zusammenbruch der ortsansässigen Population führen, analysiert oder gelöst hat. Denn wenn Letzteres der Fall wäre, könnte eine Population sehr wahrscheinlich auch wieder aus eigner Kraft wachsen, wenn auch langsamer. Übermäßig viele herangezogene Individuen in eine geschwächte ums Überleben kämpfende Population einzubringen könnte sogar gefährlich sein und diese zusammenbrechen lassen, wenn durch die Neuzugänge der Konkurrenzkampf um die wenigen noch brauchbaren von ansässigen Tieren besiedelten Mikrohabitate so stark wird, dass sich Stress assoziierte Krankheiten oder Mangelerscheinungen ausbreiten würden (siehe dazu: Tracy, C. R., K. E. Nussear, T. C. Esque, K. Dean-Bradley, C. R. Tracy, L. A. DeFalco, K. T. Castle, L. C. Zimmerman, R. E. Espinoza & A. M. Barber (2006): The importance of physiological ecology in conservation biology. – Integrative and Comparative Biology 46 (6): 1191-1205 oder WiF-Archiv). Dass gerade die Tropfenschildkröte als stressanfällig gilt und unter zu hohen Populationsdichten leidet, wird jedem einleuchten, der sich mit der Nachzucht dieser Spezies ernsthaft beschäftigt hat.




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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus