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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 21.12.2014 Share it on Facebook


Kopecky, O., L. Kalous & J. Patoka (2013): Establishment risk from pet-trade freshwater turtles in the European Union. – Knowledge and Management of Aquatic Ecosystems: 410 (2): DOI: 10.1051/kmae/2013057.

Das Etablierungsrisiko für Wasserschildkröten aus dem Heimtierhandel in der Europäischen Union.


Der Haustierschildkrötenmarkt hat in den letzten Jahren stark zugenommen und sich zunehmend zu einem Weg für die Einführung fremder Arten nach Europa entwickelt. Der Import von Trachemys scripta elegans wurde durch die Europäische Kommission reguliert und ausgesetzt, weil diese Spezies ihr Verbreitungsgebiet ständig ausweitet und negative Auswirkungen für die einheimischen Spezies mit sich bringt. Da aber das Verlangen der Hobbyzüchter nach Schildkröten weiter besteht, führt das Einfuhrverbot für solch populäre Arten nur dazu, das andere Arten eingeführt werden, die als invasive Schildkröten ein Invasionsrisiko darstellen. Wir untersuchten diese häufig im Tierhandel vertretenen Schildkrötenarten in der Tschechischen Republik, einem der wichtigsten Import- und Zucht- und Exportländer für aquatische Heimtiere innerhalb der EU. Die Bestimmung des Etablierungsrisikos für die EU als Ganzes wurde für jede Spezies individuell analysiert, basierend auf den bekannten Etablierungsmodellen. Chelydra serpentina, Apalone spinifera, Apalone mutica und Sternotherus odoratus wurden als die problematischsten Arten identifiziert, da sie ein sehr hohes Etablierungsrisiko darstellen und zudem in sehr hohen Stückzahlen in die EU importiert werden. Ebenso bestimmten wir die Regionen innerhalb der EU, die ein sehr hohes Potential für die Etablierung von nicht einheimischen Schildkrötenarten haben.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit liefert eine gute Literaturübersicht zum Thema, und sie stellt in ausführlichen Tabellen die Importzahlen für die Tschechische Republik während der letzten Jahre zusammen, die einen schon nachdenken lassen, denn die EU besteht ja nicht nur aus diesem Land. Wie bei Masin et al. (2014) geht die Arbeit natürlich nicht nur auf das Invasionspotential für die vier im Abstract genannten Arten ein, sondern listet weit mehr Arten auf. Deren Etablierungsrisiko ist zwar derzeit nicht so hoch, aber es besteht dennoch und kann natürlich zunehmen, wenn z. B. einige Arten aus der Gattung Pelusious im Handel zunehmen würden. Für uns dürfte interessant sein, dass sowohl diese Arbeiten zu invasiven Arten, genauso wie die Arbeiten über importierte Reptilien und Schildkröten als Träger (Vektoren) von Parasiten und Krankheitserregern (Dvořáková et al. 2013, siehe auch Kommentare zu Halla et al. 2014) letztendlich dafür sorgen, dass sowohl die Bevölkerung als auch die Politik diese Tiere als Gefahr ansieht. Letztendlich werden sich sicherlich in entsprechenden Kreisen auch Veterinäre oder gar Humanmediziner finden, die dieses Gefährdungspotential in Form von Gutachten zum Ausdruck bringen. Die Gefahr für uns Terrarianer ist, dass Tierrechtler und Haltungsverbotsaktivisten dann darauf zurückgreifen und sowohl das Invasionsrisiko als auch das Risko der Krankheitserregerverbreitung zur Gefahr nicht nur für Deutschland, sondern für Europa erklären und damit eben über entsprechende Gefahrtiergesetze die Exotenhaltung unmöglich machen. So wie es heute schon im US Bundesstaat Tennessee zum Teil praktiziert wird (siehe Lokalpressemitteilung Miller 2014). Davon wären dann wirklich alle betroffen. Denn diese Gefahr geht nach den unten zitierten Arbeiten von all diesen Importen aus, die letztendlich dazu führen könnten, die Exotenhaltung ganz zu verbieten (Eine Maßnahme, die auch bei der derzeitigen Ausformulierung und späteren Erweiterung des Gesetzentwurfs zur Regelung der Gefahrtierhaltung in NRW §13 Absatz 1 ohne weitere parlamentarische Erörterung nicht auszuschließen wäre). Ich muss hier im Interesse aller Exotenhalter anmerken, dass mir ein reines Importverbot derzeit lieber wäre, wenn damit abgewendet werden könnte, dass letztendlich mit einem begründeten Importverbot auch gleich das Haltungs- und Zuchtverbot kommen würde. Denn wenn wir dafür Sorge tragen durch verantwortungsvolle Nachzuchten aus hygienischer, kontrollierter, innereuropäischer Haltung den Bedarf zu decken, könnten wir auf lange Sicht unser Hobby erhalten und so mit einem blauen Auge davonkommen. Es wurde schon oft angesprochen, dass wir diese Importe ja im Wesentlichen gar nicht mehr brauchen – Warum also an etwas festhalten, was aus vernünftiger und berechtigter wissenschaftlicher Sicht heute schon nur noch unter ständigem Kampf und Imageverlust zu erhalten ist? Vom größten herpetologischen Interessensverband wird immer betont, dass hier Wissenschaftler und Tierhalter zusammenarbeiten, ja sogar die Wissenschaftler in den Vorständen und Präsidien vertreten sind, aber haben Sie schon mal eine wirklich öffentliche Stellungnahme dieser Wissenschaftler gehört oder gelesen, die sich mit dem auseinandersetzt, was von der anderen Seite angeführt wird, nämlich den Wissenschaftlern, die den Artenschutz in den Herkunftsländern vertreten? Nein, diese öffentlichen Diskussionen z. B. in Form von Übersichtsartikeln (Reviews) oder Perspektivartikeln in internationalen Journalen trauen sie sich erst gar nicht zu führen, weil sie wahrscheinlich letztendlich ihre eigene Karriere auf internationaler Ebene gefährden würden. Es wäre wissenschaftliche Schizophrenie auf der einen Seite Wiederansiedlungsprogramme zu betreiben und wissenschaftlich zu begleiten (siehe z. B. Ihlow et al. 2014) und auf der anderen Seite für die Ausdünnung der Bestände zu plädieren. Selbst wenn ich nicht erwarten kann, dass jeder Nichtwissenschaftler gleich die Bedeutung so mancher molekularbiologischen Arbeit wie z.B. Romiguier et al. (2014), erkennt, so muss ich doch dafür appellieren, dass es ja nur eine Frage der Zeit sein wird, bis sich diese Erkenntnisse so weit durchgesetzt haben, dass daraus Konsequenzen auch von der Gesellschaft und der Politik gezogen werden. Man kann nicht gegen die Zeit schwimmen, und wer früher gegen die ersten Lokomotiven und Autos als zerstörerisches Teufelszeug gewettert hat, mag zwar vielleicht nachträglich betrachtet in manchen die Umwelt betreffenden Aspekten nicht ganz Unrecht gehabt haben, aber er könnte sich deshalb trotzdem kaum noch mit Pferdekutsche und Ochsenkarren im heutigen Alltag Europas entsprechend den Erfordernissen fortbewegen. Nutzen Sie vielleicht auch mal die besinnliche Zeit zwischen den Jahren und denken Sie drüber nach, ob Sie ihr Hobby langfristig selbstbestimmt weiterführen wollen. Oder sind Sie schon so überfordert, dass Sie es gerne ganz verboten bekommen würden? Mancher mag dieser Argumentation nicht folgen wollen, aber letztendlich geht es dabei um langfristig gedachte Weichenstellung und nicht um kurzfristige Stimmungsmache und Profitverlustangst.

Literatur

Dvořáková N., J. Kvičerová, I. Papoušek, H. Javanbakht, G. Tiar, H. Kami & P. Siroký (2013): Haemogregarines from western Palaearctic freshwater turtles (genera Emys, Mauremys) are conspecific with Haemogregarina stepanowi Danilewsky, 1885. – Parasitology 26: 1–9 oder WiF-Archiv.

Halla, U., R. Korbel, F. Mutschmann & M. Rinder (2014): Blood parasites in reptiles imported to Germany. – Parasitology Research 113 (12): 4587–4599 oder WiF-Archiv.

Ihlow, F., D. Roedder, T. Bochynek, S. Sothanin, M. Handschuh & W. Boehme (2014): Reinforcement as a conservation tool – assessing site fidelity and movement of the endangered elongated tortoise Indotestudo elongata (Blyth, 1854). – Journal of Natural History 48: 2473–2485 oder WiF-Archiv.

Masin, S., A. Bonardi, E. Padoa-Schioppa, L. Bottoni & G. F. Ficetola (2014): Risk of invasion by frequently traded freshwater turtles. – Biological Invasions 16: 217–231 oder WiF-Archiv.

Miller, M. H. (2014): Tenn. agency rules with iron fist to end wildlife adoptions, some say (with video). – Chattanooga Times Free Press Sunday front page. Internet: http://www.timesfreepress.com/news/2014/apr/06/out-of-the-wildthe-twra-takes-seriously-its-duty/?local.

Romiguier, J., P. Gayral, M. Ballenghien, A. Bernard, V. Cahais, A. Chenuil, Y. Chiari, R. Dernat, L. Duret, N. Faivre, E. Loire, J. M. Lourenco, B. Nabholz, C. Roux, G. Tsagkogeorga, A. A.-T. Weber, L. A. Weinert, K. Belkhir, N. Bierne, S. Glémin & N. Galtier (2014): Comparative population genomics in animals uncovers the determinants of genetic diversity. – Nature 515: 261–263 & 9 S. Supplements oder WiF-Archiv.



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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus